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Lise Meitner
Kernphysik in der Holzwerkstatt PDF Drucken

Quelle: Spektrum der Wissenschaft 3/2008
(http://www.wissenschaft-online.de/artikel/943493 am 22.03.08)

Dieses Buch beleuchtet das Leben von Lise Meitner von einer neuen Seite. Die Biochemikerin und Autorin Thea Derado hat zahlreiche Informationen aus Briefen, Artikeln und Biografien zu Dialogen verarbeitet, die ein lebendiges und sehr privates, fast autobiografisches Bild der großen Physikerin ergeben. Ich sah Lise Meitner wieder so vor mir, wie ich sie selbst erlebt habe, als ich mit ihr in Stockholm 1949/1950 zusammenarbeiten konnte.

Der Ausspruch "Das Leben muss nicht leicht sein, wenn es nur inhaltsreich ist" war in der Tat ihr Motto. Und leicht war es wahrhaftig nicht, denn sie war Jüdin und eine Frau. Geboren 1878, konnte sie zwar in Wien die Volksschule und die Bürgerschule besuchen, aber das Gymnasien war Jungen vorbehalten. Das Abitur konnte sie nur mit Hilfe von teuren Privatstunden ablegen. Sie durfte in Wien studieren und mit Auszeichnung promovieren, aber ihren Lebensunterhalt musste sie noch viele Jahre lang, auch später in Berlin, mit Nachhilfestunden verdienen.

Im Jahr 1907 übersiedelte sie nach Berlin, wo der Radiochemiker Otto Hahn sie gern als physikalische Mitarbeiterin aufnahm. Damit begann eine äußerst fruchtbare wissenschaftliche Zusammenarbeit und lebenslange innige Freundschaft, die auch die Familien einschloss. Da Frauen das Institut nicht betreten durften, mussten die Experimente in der Holzwerkstatt im Keller mit separatem Eingang stattfinden.

Derado beschreibt in allgemein verständlicher Weise Meitners wissenschaftliche Durchbrüche, vor allem die Deutung der Hahn’schen Experimente als Kernspaltung, aber auch schon die vorher erzielten Erfolge wie die Entdeckung des Protactiniums. Einige wenige Fachausdrücke werden in einem Anhang erklärt. Trotz der populären Darstellung sind alle Ausführungen sachlich korrekt. Nicht erwähnt werden allerdings die kalorimetrischen Messungen am radioaktiven Beta-Zerfall, die später Wolfgang Pauli die Grundlage für seine Neutrino- Hypothese lieferten.

In der Berliner Zeit lernte Meitner die Großen der damaligen Physik und Chemie kennen, wie Max Planck, James Franck, Emil Fischer und Albert Einstein. Besonders vertraute Beziehungen verbanden sie mit Max von Laue, einem der wenigen deutschen Physiker, die dem Naziregime tapfer widerstanden.

Neben der Wissenschaft spielte die Musik die zweite wichtige Rolle. Ein Klavier begleitete sie fast ihr ganzes Leben. Musik verschaffte ihr den Zugang zur Familie von Max Planck, und mit Otto Hahn sang sie in der Holzwerkstatt fröhlich zweistimmige Brahms-Lieder. Noch viele Jahre später schwärmte sie mir davon begeistert vor. Wenig bekannt ist, dass sich Lise Meitner während des Ersten Weltkriegs dem österreichischen Militär als Röntgenologin zur Verfügung stellte, um ihre patriotische Pflicht zu erfüllen. In einem Lazarett direkt hinter der Frontlinie erlebte sie alle Schrecken des Kriegs. Diese Erfahrungen und Diskussionen mit Hahn, der selbst den Gaskrieg erlebt hatte, und dem Pazifisten Einstein führten zu Zweifeln und inneren Kämpfen.

Die Schilderung der Zwischenkriegszeit gibt nicht nur einen lebhaften Eindruck von dem mit vielen Hindernissen gespickten wissenschaftlichen Aufstieg Lise Meitners, sondern auch von dem Aufschwung der deutschen Wissenschaft, vor allem durch die Gründung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Unweigerlich gehören die Machtergreifung der Nazis und die Judenverfolgung zu den Themen des Buchs. Lise Meitner genoss zunächst einen gewissen Schutz durch ihren österreichischen Pass; aber nachdem der nach dem Anschluss Österreichs mit einem "J" gestempelt wurde, konnte sie Deutschland legal nicht mehr verlassen.

Im Vertrauen auf die deutsche Kultur, wegen der Verbundenheit mit ihrem Institut und ohne auf die Warnungen ihrer Freunde zu hören, zögerte sie zu lange, bis 1938 nur noch die Flucht sie retten konnte. Holländische Kollegen ermöglichten ihr im Juli 1938 die Ausreise über eine kleine Grenzstelle. Als Abschiedsgeschenk gab Hahn ihr noch einen Brillantring, ein Erbstück seiner Mutter.

Nach einem kurzen Aufenthalt in Holland arrangierte Niels Bohr ihre Aufnahme am Nobel-Institut in Stockholm bei Manne Siegbahn. Die persönliche Chemie zwischen Lise Meitner und Siegbahn, stark beschäftigt mit dem Aufbau seines Instituts und kein Freund von Frauen in der Wissenschaft, stimmte nicht, und die Zeit an seinem Institut war mit Entbehrungen verbunden. Schließlich erhielt sie 1947 eine Forschungsprofessur mit Labor an der Technischen Hochschule in Stockholm, mit nach damaligen Maßstäben recht guten Arbeitsmöglichkeiten. Es war dort, wo sie mich in die Kernphysik einführte.

Sie nahm mich sehr freundlich auf und zeigte keine Ressentiments. Sie plauderte über ihren Lebensweg, ihre Erfolge und Leiden, und ich kann viele der im Buch erwähnten Episoden bestätigen. Sie erzählte mir, wie sie durch das Studium der deutschen Geschichte und die Lektüre von Hegel, Schelling und Nietzsche die Entwicklung des deutschen Nationalismus zu verstehen versuchte. Eine kleine, zierliche Person, eine Kombination aus österreichischem Charme und preußischer Pflichtauffassung. Bei der Justierung von Apparaturen war sie äußerst penibel und wies mich oft mit Stolz auf ihr gutes Augenmaß hin, mit dem sie schon ihre Schneiderin in Wien beim Rocksaumabstecken zur Verzweiflung gebracht hatte. Trotz ihrer Strenge war sie sehr gütig und mütterlich. Wie im Buch treffend beschrieben, war sie nicht nur eine exzellente Physikerin, sondern eine große Persönlichkeit.

Ausgiebig diskutiert Thea Derado, warum Meitner bei der Verleihung des Nobelpreises an Hahn 1945 leer ausging. Ihre Verdienste waren unbestritten. Bekannt war ihr Ausspruch "Hähnchen, das verstehst du nicht!", und Hahn erwähnte mir gegenüber: "Ich war ja nur ein Chemiker, sie war die Physikerin!" Auch nach Veröffentlichung der Dokumente des Nobel-Komitees bleiben Fragen offen. Dass Lise Meitner eine Frau war, scheint das Komitee negativ beeinflusst zu haben. Die vielen deutschen und internationalen Ehrungen und ihr überwältigender Empfang in den USA haben sie etwas über diese Benachteiligung hinweggetröstet.

Da Lise Meitner ledig blieb, spielten ihre verschiedenen Familienbande eine wichtige Rolle. Am meisten war sie ihrem Neffen Otto Robert Frisch zugetan, mit dem zusammen sie die Kernspaltung deutete. Bei ihm in Cambridge (England) verbrachte sie ihre letzten Jahre bis zu ihrem Tod 1968. Dieses Buch beschreibt historisch genau, gleichzeitig aber mit großem Einfühlungsvermögen das bewegte Schicksal einer der größten Wissenschaftlerinnen des vergangenen Jahrhunderts. Es ist nicht nur für geschichtlich Interessierte lesenswert, sondern dürfte auch für Frauen, insbesondere junge Wissenschaftlerinnen, ermutigend sein.

Herwig Schopper
Der Rezensent ist Professor für Physik und ehemaliger Direktor des europäischen Kernforschungszentrums Cern in Genf.