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Lise Meitner
Begabt. Bescheiden. Benachteiligt. PDF Drucken

 

- Ein genialer Geist der Physik behauptet sich in der Männerwelt -

Mit ihrem biografischen Roman „Im Wirbel der Atome“ zeichnet Thea Derado ein eindrucksvolles Portrait Lise Meitners und ihres facettenreichen Lebens.

Die Autorin selbst wurde 1936 in Leipzig geboren. Sie studierte dort Chemie und zog währenddessen 1958 nach München, wo sie 1963 am Max-Planck-Institut für Biochemie promovierte und zurzeit immer noch lebt.

Thea Derado steht noch am Anfang ihrer Karriere als Autorin, da „Im Wirbel der Atome“ erst das zweite Buch nach dem ebenfalls biografischen Roman “Fanny Mendelssohn Hensel – Aus dem Schatten des Bruders“ ist. Dieser erste biografische Roman erschien im Jahre 2005 vom Kaufmann Verlag zum 200. Geburtsjahr von Fanny Medelssohn. Inhaltlich erwähnenswert ist, dass Fanny Mendelssohn am 4. November 1805 in Hamburg geboren. Sie war die drei Jahre ältere Schwester von Felix Mendelssohn-Bartholdy und wohl die größte deutsche Komponistin und Musikerin.

Die Rolle der Musik in Fanny Mendelssohn Leben ist zu vergleichen mit der Rolle der Physik in Lise Meitners Leben. Beide Frauen waren in ihren Fachgebieten sehr talentiert und fleißig, sie liebten ihre Tätigkeiten. Zudem mussten sie sich in ihren, zu der Zeit von Männern geprägten Tätigkeitsfeldern beweisen. Lise Meitner gelang dies vor allem durch ihr Talent und ihre Zielstrebigkeit, Versuche und Untersuchungen solange, wie es die Umstände teilweise erlaubten, fortzuführen, bis ein publizierbares bzw. -wertes Ergebnis erarbeitet wurde. Zur Zeit von Fanny Mendelssohn schickte es sich für eine Frau ihres Standes nicht, selbst Geld zu verdienen, geschweige denn mit dem Komponieren und Spielen von Musik. Ihr Vater war zudem der Meinung, dass die Musik nur eine Freizeitbeschäftigung seiner Tochter bleiben dürfe. Lises Eltern hingegen unterstützten ihre Tochter und gaben ihr Mut, sich in der von Männern dominierten Physik durchzusetzen.

Formal gesehen ähneln sich die beiden Bücher in der Seitenzahl: 240 Seiten plus Bildmaterial in dem biografischen Roman mit Fanny Mendelssohn und 239 Seiten plus Bildmaterial und Glossar im biografischen Roman mit Lise Meitner.

Das Thema von „Im Wirbel der Atome“ ist Lise Meitners Leben als Kind, junge Frau und Mutter der Physik mit ihrer Entwicklung verbundenen Hoch- und Tiefpunkte.

Ein kurzes Portrait soll einen groben Überblick über das sehr inhaltsreiche Leben Lise Meitners verschaffen:
Lise Meitner, urkundlich Elise Meitner, wurde am 17. November 1878 in Wien geboren. Ihre Eltern waren der Rechtsanwalt Dr. Philipp Meitner und Hedwig Meitner-Skovran. Beide Halbjuden, erzogen sie jedoch Lise und ihre sieben Geschwister evangelisch. Nach der Bürgerschule folgte ein Lehrerinnen-Examen in Französisch und 1901 erhielt sie die Matura. Ein Physik-, Mathematik- und Philosophiestudium folgte an der Universität Wien. Nach der Promotion in Physik ging Lise Meitner 1907 zur wissenschaftlichen Ausbildung nach Berlin. Angefangen in der so genannten „Holzwerkstatt“ arbeitete sie die nächsten 30 Jahre zusammen mit dem Chemiker Otto Hahn. Durch den Fund diverser radioaktiver Nuklide machte sich Lise Meitner einen Namen in der Physik und lernte Größen wie Albert Einstein und Marie Curie kennen. Durch einen Umzug in das modernere Kaiser-Wilhelm-Institut folgten einige Publikationen.

1938 floh Lise Meitner aufgrund ihrer Jüdischen Abstammung nach Schweden wo sie ihre Forschung fortsetze. Über Briefwechsel konnte sie weiterhin mit Otto Hahn über die vermutliche Entdeckung der Kernspaltung diskutieren, für dessen chemischen Nachweis Otto Hahn 1945 den Nobelpreis der Chemie erhielt.
Die Nachkriegszeit war für Lise Meitner geprägt von Preisen und Ehrungen und 1959 wurde das Hahn-Meitner-Institut für Kernforschung in Berlin eröffnet. 1960 zog Lise Meitner nach Cambridge, wo sie sich bis zu ihrem Tod am 27. Oktober 1968 für die friedliche Nutzung der Kernspaltung stark gemacht hat.

In dem biografischen Roman wechseln sich die Passagen, in denen die Autorin über Lise Meitner schreibt, mit den Passagen in denen Lises Handlungen von Lise selbst vorgetragen werden, also in denen sie selbst aktiv ist, ab. Der Text im Buch ist einfach geschrieben und Fachwörter, beispielsweise aus der Physik, sind mit Nummern versehen und können im Glossar nachgeschlagen werden. So ist der gesamte biografische Roman sehr verständlich und leicht zu lesen, was im Bezug auf das Thema Physik positiv wirken kann. Durch die häufigen Wechsel der Themen im Roman wird der Leser nie zu lange mit einseitigen Themen wie Politik, Wissenschaft oder Privatsphäre unterhalten, sondern durch den Häufigen Wechsel und auch Verknüpfung der Themen wird dem Leser der Text interessant unterbreitet. Ein weiterer Effekt ist die Integration des Lesers in das Geschehen.

Im Vergleich mit der Biografie „Lise, Atomphysikerin – Die Lebensgeschichte der Lise Meitner“, von Charlotte Kerner, lässt sich deutlich zwischen der reinen Biografie und dem biografischen Roman differenzieren. Ein markantes Merkmal ist zum Beispiel der Schreibstil. Im biografischen Roman wird im Vergleich natürlich die Richtung Roman deutlich, zu sehen an den Passagen die aus Sicht Lise Meitners geschrieben wurden. Anzeichen in Charlotte Kerners Biografie für die reine Biografie sind zum Beispiel die Ausschnitte aus originalen Briefen von Lise Meitners, sowie der reine biografische Text. Des weiteren kennzeichnen die jeweiligen Titel sofort die Art der Lektüre. „Im Wirbel der Atome“ lässt sich sehr viel einfacher mit romantypischem Lesestoff assoziieren, wogegen der Titel „Lise, Atomphysikerin – Die Lebensgeschichte der Lise Meitner“ auf einen sachlich und auf Informationen orientierten Text schließen lässt.

In meinen Augen ist der biografische Roman von Thea Derado eine interessante Abwechslung im Bereich der Biografien. Durch den Romancharakter ist das Buch interessanter als eine Biografie, denn der Leser kann sich besser in die Zeit und der damit verbundenen politischen Umstände und subjektiven Sichten der vorkommenden Personen zurecht finden.

Thea Derado will durch die häufigen Diologe einen lebendigen Charakter erschaffen, was ihr auch gelingt. Sie hat sich an Steven Hawking's Warnung gehalten, dass jede Formel die Leserschaft halbiert.

Da ich mich in die Biografie von Charlotte Kernen nur rein gelesen habe, kann ich nur behaupten, dass meiner Meinung nach eine reine Biografie auf der Ebene der Information mehr liefert, als ein biografischer Roman, welcher wiederum unterhaltsamer ist.

Frederik Krol